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Prof. Dr.-Ing. Frank Straube

Institut für Technologie und Management
Leiter Fachgebiet Logistik    
Gründer von International Transfer Center for Logistics in Berlin
 
 

Lebenslauf

 

1984

Technische Universität Berlin, Abschluss des Studiums des Wirtschaftsingenieurwesens (Dipl.-Ing.)

1982/83

Maitrise Sciences Economiques, Universität Grenoble, Frankreich

1984 -1989

Leitung von Logistik-Großprojekten am Fachgebiet Materialflusstechnik und Logistik der TU Berlin (Prof. Dr.-Ing. H. Baumgarten) und Promotion zum Dr.-Ing.

1990 - 2002

Vorsitzender der Geschäftsführung Zentrum für Logistik und Unternehmensplanung GmbH (Berlin - Sao Paulo - New York) und Leiter der LMC GmbH (International Holding für Logistik und Management Consulting)

1993 - 2004

Lehrbeauftragter für Unternehmensstrukturplanung an der Technischen Universität Berlin, Fachbereich Wirtschaft und Management, Fachgebiet Materialflusstechnik und Logistik

1996 - 1999

Lehrbeauftragter für internationales Management an der Universität Aix-en-Provence / Marseille, Frankreich

1998 - 2002

Mitglied des Aufsichtsrates und Leiter des Wirtschaftsausschusses der Berlin Wasser AöR, Berlin

1999 - 2001

Geschäftsführer der ZLU do Brasil Ltda, Sao Paulo, Brasilien

seit 2000

Lehrbeauftragter für das Management internationaler Logistikprojekte an der Universität Paris II (Assas), Frankreich

2001

Lehrbeauftragter für Logistikmanagement und Habilitation an der Universität St. Gallen, Schweiz

2002 - 09/2004

 

Vorsitzender des Direktoriums des Kühne-Instituts für Logistik an der Universität St. Gallen

seit 2003

 

ständiger Gastprofessor für das Management internationaler Logistikprojekte an der Universität Paris II (Assas), Frankreich

seit 2004

Ständiger Gastprofessor an der Universität St. Gallen

seit 2008

Mitglied des Beirates der Deutschen Bahn AG

seit 2008

Mitglied des scientific advisory board bei Kühne School of Logistics and Management

seit 2008

Editor bei Logistics Research Journal

   





Ein Arbeitstag in der Uni beginnt für mich...

...mit Gesprächen mit meinen Mitarbeitern, denn das Team ist die Basis für alles.

 

An der TU Berlin stört mich...

...das partielle Denken in für mich etwas überholten politischen Fraktionsausrichtungen, statt dem gemeinsamen Forcieren von strategischen Projekten.

 

Mit 20 Jahren wollte ich...

...ein breit angelegtes Studium möglichst gut absolvieren, international, eigenverantwortlich arbeiten, Freiheiten haben und inhaltliche Spuren hinterlassen.

 

Es macht mich sauer wenn...

...Menschen unbefriedigende Zustände als gegeben akzeptieren und keinen Anspruch an sich und Ihr Umfeld haben.

 

Wer es zu etwas bringen will, der...

...sollte sich neben seinem breit angelegten Studium, kulturellen und sprachlichen Fragen weiterbilden, sollte für sich persönliche Zufriedenheit und Ziele definieren und sollte versuchen Netzwerke aufzubauen. Außerdem Misserfolge analysieren und daraus lernen – niemals nachlassen.

 

An der TU Berlin gefällt mir...

...die inhaltliche Vielfalt, das strategische Zukunftskonzept des Präsidiums und der weitestgehend abgeschlossene gelungene Generationswechsel. Aber auch das Zusammenrücken vieler Menschen, in der Krisensituation der letzten Monate.

 

Ich muss lachen wenn...

... mir gesagt wird Zielorientierung und Arbeit sind das ganze Leben. Ich denke hart arbeiten und mehr als angemessen feiern ist eine ideale Kombination.

 

Den Studenten rate ich...

... sich auf allen Ebenen weiterzuentwickeln, Wirtschaftingenieur zu studieren und natürlich Logistik.  

Interview
 

Fachschaftsteam: Herr Prof. Dr. Straube, vielen Dank, dass Sie Zeit für uns gefunden haben – trotz Ihres sehr gefüllten Termin Kalenders. Wünschen Sie sich eigentlich manchmal das entspannte Studentenleben zurück?

 

Prof. Straube: Ich habe hier an der TU Wirtschaftsingenieurwesen studiert und im Ausland vertieft. Ich fand die Zeit fantastisch, weil sie einfach viele Freiheiten geboten hat selbständige Schwerpunkte zu setzen und viele Themengebiete interdisziplinär kennen zu lernen. Es ist eine schöne Lebensphase, weil sie noch nicht viele Restriktionen im Leben haben, die sie behindern – sie können entdecken und sind relativ frei. Das ist eine Zeit, die man allerdings auch limitieren sollte, weil sie vorbereitet auf nächste Lebensetappen. Insofern schaue ich rückblickend auf eine Studentenzeit, die ich mit viel Freude und auch Erfolg genossen habe. Ich bin aber froh, dass sie mich vorbereitet hat auf andere Dinge im Leben, die mindestens genauso spannend sind. Ich schaue ehrlich gesagt mehr nach vorne, als zurück.

 

Fachschaftsteam: Sie haben hier an der TU studiert und promoviert. Seit Oktober 2004 besetzen Sie den Logistiklehrstuhl. Nun sehen Sie die Dinge aus der Sicht eines Professors. Welche Dinge haben sich verändert seit Ihrer Studentenzeit?

 

Prof. Straube: Also die Neugierde und das Engagement der Studenten hat sich nicht verändert – glücklicherweise. Ich glaube, dass Studierende heute mit deutlich modernisierten Lehrformen ausgebildet werden. Also Kleingruppenarbeiten, Casestudies, Präsentationen. Die Studierenden sind heute auch mehr im Ausland, als das zu unserer Zeit der Fall war. Bei uns war das eine Ausnahme, heute ist das fast die Regel. Zudem scheint es mir so, dass zu meiner Zeit einige technische und quantitative Fächer einen stärkeren Schwerpunkt im Studium hatten, als es heute der Fall ist. Ich sehe allerdings, dass wir durch die Umstellung auf Bachelor/Master von den Studierenden mindestens genauso viel, wenn nicht mehr verlangen. Der Bachelor stellt einen berufsbefähigenden Abschluss dar, welcher auf Grund der zeitlichen Komponente sehr anspruchsvoll ist. Noch haben wir wenig Erfahrung – auch was die Zufriedenheit der Studierenden und Unternehmen betrifft, da wir gerade erst umgestellt haben – jedoch halte ich die Konzentration der Studieninhalte für notwendig, da wir im europäischen Vergleich über der durchschnittlichen Studiendauer liegen. Ich hoffe allerdings, dass die Studierenden weiter Zeit finden, ihr allgemeines Wissen zu bilden, im Bereich Kultur und Sprachen zum Beispiel.

 

Fachschaftsteam: Bei einer Begrüßungsrede sagten Sie einmal, dass man auch mal ein Semester “versacken“ müsse. Sprechen Sie aus Erfahrung?

 

Prof. Straube: Ich habe darauf geachtet, dass ich neben der fachlichen Ausbildung zum Wirtschaftsingenieur – was ich übrigens jederzeit wieder studieren würde – mich anderweitig bilde. Ich habe mich z.B. mit Sprachen, Theater, Oper und Malerei beschäftigt, weil mich das interessiert. Ich habe mich auch mit ganz unterschiedlichen Menschen ausgetauscht – nicht nur mit Wirtschaftsingenieuren. Zum Beispiel mit Menschen, die überhaupt nicht studieren. Mit Künstlern und mit Menschen, die nicht wissen, was sie im Leben vorhaben. Also eine breite Spanne von Menschen, die mein eigenes Denken auch befruchtet haben. Die Zeit dafür habe ich mir immer genommen. Insofern meine ich nicht unproduktives „Versacken“, das wäre vertane Zeit, sondern dem Nachgehen ausseruniversitärer Interessen. Die guten Leute schaffen es in überschaubarer Zeit gut zu studieren und nicht nur zu studieren. (lacht)

 

Fachschaftsteam: Das setzt auch eine gute Planung voraus. Haben Sie sich damals schon vorgestellt mit einem eigenen Lehrstuhl mal an diese Universität zurückzukehren.

 

Prof. Straube: Nein, das können Sie nicht planen. Ich persönlich bezeichne das als einen großen Glücksfall. Mich hat schon während meines Studiums das Arbeiten an interdisziplinären  thematischen Netzwerken interessiert, sowie das internationale Arbeiten. Ich hatte das Glück, dass ich zu einer Zeit mit meinem Studium fertig wurde, zu der die Logistik in Europa ihren Aufschwung nahm und ich bereits als Student am Bereich Logistik der TU bei meinem Vorgänger Professor Baumgarten mitarbeiten konnte, denn er hatte als einer der wenigen Professoren in Deutschland das grosse Zukunftspotential dieses Gebietes zum damaligen Zeitpunkt bereits erkannt. Zudem konnte ich hier an der TU sehr anwendungsorientiert promovieren, denn das Institut arbeitete eng mit der Praxis verzahnt und habe dabei sehr viele Unternehmen kennen gelernt, die in logistischen Fragestellungen wissenschaftlich und methodisch unterstützt werden und Neuland betreten wollten. Hieraus ist dann ein Planungsunternehmen für Logistik von Professor Baumgarten, mir und einigen Mitarbeitern entstanden, welches ich bis 2001 geleitet habe. Dort konnte ich die unterschiedlichsten Fragestellungen in verschiedenen Unternehmen, in anderen Branchen und Ländern bearbeiten und hatte Verantwortung für bis zu 100 Mitarbeiter. Parallel habe ich immer den Kontakt zu Universitäten im In- und Ausland gehalten, weil ich den Austausch von Wissenschaft und Praxis extrem spannend finde und Spaß am Lehren und am Austausch mit jungen Leuten, die unkonventionell denken, die einen mit Ideen überraschen und auch provozieren, habe. 2001 habe ich dann die Entscheidung getroffen, dass ich den Schwerpunkt mehr in den akademischen Bereich legen möchte und habe dann an der Universität St. Gallen bei Professor Schuh, heute RWTH Aachen und Professor Brenner habilitiert. St. Gallen entdeckte damals die Logistik und gründete gefördert von der Schweizer Kühne-Stiftung ein Institut, welches mir anvertraut wurde. Das war für mich ein Glücksfall, denn bis dato war es in der Logistik noch nicht üblich, extern geförderte Lehrstühle zu gründen, die auch hochrangige Weiterbildungsangebote für Manager realisieren sollten. In St. Gallen  verbrachte ich etwas mehr als drei sehr interessante und erfolgreiche Jahre und hatte dann wiederum das Glück, den renommierten Lehrstuhl hier bei uns an der TU Berlin zu leiten zu dürfen. Nun kann ich die Erfahrungen, die ich gesammelt habe, an Studierende und Doktoranden weitergeben und mich einbringen in die Weiterentwicklung der TU Berlin. Außerdem kann ich hier die Wissenschaftsdisziplin Logistik weiterentwickeln, ohne den Restriktionen der Praxis zu unterliegen. Denn meistens haben sie in der Praxis einfach keine Zeit die Grundlagen der Logistik umfänglich weiterzuentwickeln und hier haben wir diese Zeit. Also, ich habe es nicht geplant, aber ich habe mich immer im universitätsnahen Umfeld bewegt und habe die glücklichen Gegebenheiten beim Schopfe gepackt und andere haben zugestimmt und unterstützt.

 

Fachschaftsteam: Wir konnten neulich einen Kommentar von Ihnen auffassen. Sie meinten, es gäbe in der Wirtschaft viele gute Menschen, die Sie aber leider nicht für die „Universität“ begeistern können. Woran liegt das?

 

Prof. Straube: Die Universitäten suchen Menschen bis 45 Jahre zur Erstberufung, die nachweislich schon exzellente wissenschaftliche Leistungen vollbracht haben. Exzellenten Praktikern fehlen oft die notwendigen wissenschaftlichen Publikationen, zudem kommt hinzu, dass im Normalfall diese Leute mehr in der Wirtschaft verdienen. Und der Bewerbungs- und Auswahlprozess an einer Universität kann sehr lange dauern, oftmals länger als ein Jahr. Ich fände es schön, wenn wir es in Deutschland schafften, eine größere Durchlässigkeit zwischen Industrie und Wissenschaft zu erzeugen z.B. beidseitig 5 Jahresengagements zu ermöglichen. Es wäre heute der Karriere in der Industrie  nicht unbedingt förderlich, wenn sie 5 Jahre an die Universität gehen. Die Toppositionen wären besetzt. Aber für einen Wissensstandort wie Deutschland könnte ich mir vorstellen, dass es sehr interessant wäre eben solche Modelle wie z.B. gemeinsame Innovations-Labs stärker zu entwickeln. Das wäre für die Unternehmen interessant, aber auch für die Wissenschaft. An dieser Stelle haben wir heute noch viele Barrieren, die wir in Berufungssituationen auch sehen.

 

Fachschaftsteam: Die nächste Frage dreht sich um die Logistik. Was ist an der Logistik so interessant und was muss ein erfolgreicher Logistiker besitzen?

 

Prof. Straube: Mich interessiert, dass die Logistik den Blutkreislauf der globalisierten Wirtschaft darstellt, eine Metapher übrigens meines Vorgängers bereits aus den 80er Jahren, die nichts an Bedeutung eingebüsst hat. Mich fasziniert, dass die Logistik heute vor großen Herausforderungen steht. Wir werden auf der Erde in den nächsten 30 bis 40 Jahren von heute 6,5 Mrd. Menschen auf dann ca. 9 Mrd. Menschen wachsen. Diese müssen mit Gütern und Mobilität wirtschaftlich und ressourcenschonend versorgt werden. Wir arbeiten in der Logistik in einer jungen Wissenschaft, die ihren Ursprung in den Siebzigern fand. Das heißt, sie können in diesem Gebiet noch sehr viel entwickeln und die Umsetzung begleiten, die Konzepte bleiben nicht allein in der Bibliothek sondern können realisiert werden. Wir sind sozusagen auf der Sonnenseite der Wirtschaft, da in Boom- und Rezessionszeiten Logistikkonzepte gefragt sind. Logistik ist entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen in Produktion und Handel und sichert Arbeitsplätze in der Globalisierung. Eine neuartige Dienstleistungsbranche integrierter Kontraktlogistik erzielt grosse Marktzuwächse. Integrierte, intermodale Verkehrssysteme sind zu konzipieren. Logistik entwickeln heisst also auch unsere Verantwortung für Wirtschaft und Gesellschaft wahrzunehmen. Denken Sie an die Gestaltung von Megacities. Wie machen wir so etwas möglichst verkehrsarm, möglichst umweltverträglich, für Menschen so, dass sie sich wohl fühlen. Außerdem fasziniert mich, dass man so viele Dinge kombinieren kann. Technik, Wirtschaft, Informatik, Mathematik. Wir haben das Glück an der TU exzellente Bereiche in diesen Gebieten zu haben. Mich fasziniert, dass die Logistik dann gut ist, wenn Menschen in Logistiknetzwerken gut und glücklich zusammen arbeiten und exzellente Serviceniveaus erreicht werden. Der Mensch ist auch in unseren Vorlesungen stets Thema, People, Networks und Technology, das gehört eben zusammen. Wir können heute Kulturunterschiede messen und dem Management als Tool aufbereiten. Die Logistik wächst und bietet so jungen Menschen tolle Arbeitsplätze mit viel Verantwortung. Aber wir müssen die Logistik und ihre Bedeutung heute immer wieder noch erklären, wozu ich gerne bereit bin. Ich bin in diesem Zusammenhang dem Verkehrsministerium dankbar, denn es gibt einen Masterplan „Verkehr und Logistik für Deutschland“, weil erkannt wurde, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland nur bestehen kann, wenn in der Logistik in Innovation und Ausbildung investiert wird – und daran will ich mich gerne beteiligen. Diese Initiative wird und damit die Logistikkompetenzen in Deutschland werden gerade unter dem Begriff „Logistics Council Germany“ durch das Bundeskanzleramt weltweit vermarktet, ein tolles Ergebnis.

 

Fachschaftsteam: Wir könnten jetzt aus Ihrer Antwort die Eigenschaften eines guten Logistikers ableiten, jedoch würden wir Sie bitten die doch noch einmal aufzuzählen.

 

Prof. Straube: Neben den klassischen Anforderungen von gutem Fach- und Methodenwissen, hier sind insbesondere informationstechnische, materialflusstechnische und betriebswirtschaftliche Instrumente und Theorien zu nennen, müssen sie bereit sein international zu arbeiten, Sprachen zu können. Das gilt heute in jeder Disziplin. Da wir in der Logistik ständig Prozesse verändern, ständig Arbeiten neu aufteilen, müssen sie sozusagen eine emotionale Intelligenz entwickeln. Wir verteilen Macht neu in Netzwerken, wir müssen damit umgehen können Macht neu zu verteilen. Sie müssen in der Logistik mit unterschiedlichen Menschen sprechen – mit Vorständen, sowie Mitarbeitern im Lager. Das muss man in verschiedenen Branchen tun, die jeweils anders denken und leben. Daran müssen sie Spaß haben. Des Weiteren müssen sie eine Eigenschaft mitbringen, die der klassischen Ingenieursausbildung eigentlich zuwider strebt, denn in der Logistik sind sie nie fertig. Sie passen sich den Marktbedingungen und dem Wettbewerb immer an. Ein Bauingenieur baut eine Brücke und die hält dann hoffentlich hundert Jahre. In der Logistik verändern sie und passen an. Daran müssen sie Freude haben, denn ich kenne Menschen, die lieber ein Projekt abschließen und dann etwas final vorzeigen. Diese Eigenschaften kann man nur teilweise in der Ausbildung stimulieren, denn letztendlich muss jeder schauen, ob er dafür geeignet ist.

 

Fachschaftsteam: Sie sprachen eben das Verkehrsministerium an. Herr Tiefensee kämpft auf der A2 mit einem extrem steigenden Güterverkehr, der viele negative Folgen mit sich bringt, die Logistik selber mit steigenden Kraftstoff- und Kerosinpreisen. Wie kann die Logistik in Europa reagieren?

 

Prof. Straube: Die Logistik hat große Herausforderungen in Europa zu bestehen, weil die Globalisierung sich fortsetzen wird. Die aktuellen Zahlen zeigen, dass wir in Deutschland infrastrukturelle Defizite haben, die sich beim anhaltenden Transportwachstum verstärken werden. Der Containerumschlag in den Seehäfen wird sich in den nächsten Jahren verdoppeln, was v. a. auf die Transitfunktion Deutschlands als Transport- und Logistikdrehscheibe zurückzuführen ist. Insofern sehe ich drei Herausforderungen. Der optimierte Ausbau von Infrastruktur, also von Straße, Schiene, Binnenwasserweg. Der Einsatz von neuester Technologie, um die Warenströme in Europa umweltfreundlich und kostengünstig zu gestalten, um Staus und falsche Bestände zu vermeiden. Des Weiteren muss man in die Ausbildung investieren. Wir brauchen Manager, die integrierte Prozesse entwickeln. Heute arbeiten in Deutschland bereits 2,5 Mio. Menschen in der logistischen Aufgabenstellungen. Das ist nach dem Maschinenbau und der Automobilindustrie die drittgrößte Branche in Deutschland. Die Logistik setzt jährlich 170 Mrd. Euro um und wächst. Dazu müssen wir intelligente Logistiksysteme und –dienste erfinden. Fabriken, Händler und Vertriebe am Standort Deutschland werden wir dann erhalten, wenn wir eine termintreue Mobilität gewährleisten. Und ich meine damit nicht einfach Lieferzeiten weiter zu verkürzen und Geschwindigkeiten zu erhöhen. Es geht um die bessere Nutzung von Kapazitäten und um die Verbesserung der Pünktlichkeit in weltweiten Liefernetzwerken, um Kundenanforderungen zu befriedigen und Unternehmen erfolgreich zu machen.

 

Fachschaftsteam: Aber müsste die Politik nicht auch ein Stück weit „Logistik unfreundlich“ handeln und z.B. verbieten, dass Krabben in der Nordsee gefangen, jedoch in Portugal geschält werden, um dann in Berlin verkauft zu werden?

 

Prof. Straube: Menschen fordern zu Recht, dass Mobilität genauso zu einer modernen Gesellschaft gehört, wie Gesundheit und Bildung. Man sollte jedoch darüber nachdenken, Regeln und Subventionen abzuschaffen, die solche hanebüchenden Prozessabläufe in Europa wirtschaftlich möglich machen. Also lebende Tiere quer durch Europa zum Schlachten zu fahren, um sie dann an ihrem Ursprungsort zerlegt zu verkaufen – oder das Beispiel des nomadisierenden Krabbenpulens, welches wie ich gehört habe, aber glücklicherweise gerade durch die Entwicklung einer automatisierte Produktion vor Ort abgeschafft wird. Solche Beispiele finden Sie auf Grund fiskalischer Regelungen überall auf der Welt, das ist also kein deutsches Problem. Aber gerade mit der EU hätten wir die Möglichkeit Regeln abzuschaffen anstatt zu erfinden, die genau das erzeugen.

 

Fachschaftsteam: Die Deutsche Bahn wird der TU einen Lehrstuhl stiften. Ab November kann man auch Aktien der Deutschen Bahn kaufen. Was meinen Sie, sollte man zuschlagen?

 

Prof. Straube: Zu erst einmal möchte ich sagen, dass ich sehr froh bin, dass wir im Bereich Logistik zwei Lehrstühle gestiftet bekommen. Der eine von Ihnen angesprochene Lehrstuhl „Logistikdienstleistungen und Transport“ von der Deutschen Bahn, der übrigens durch ein Innovations-Lab ergänzt wird, und der andere zum Thema „Internationale Logistiknetze“ von der Kühne-Stiftung aus der Schweiz. Damit schrauben wir weitere Motoren an das Flugzeug Logistik hier an der TU, so dass auch unsere Internationale Wahrnehmung weiter steigen wird. Ich bin besonders dankbar, dass zwei Unternehmen, die im Wettbewerb stehen, hier an der TU ihre Stiftungsaktivitäten bündeln.

 

Ich gebe weder Freunden noch Studenten Tipps in Sachen Aktien, aber es ist uns allen nicht unbemerkt geblieben, dass es eine ganze Reihe von Logistikunternehmen gibt, die Börsen notiert sind. Die Deutsche Post, DHL, UPS, FedEX. Nun bald auch die Deutsche Bahn AG. Die Investoren suchen die Story hinter einem Unternehmen. Die Story bei den Logistikunternehmen ist tatsächlich Wachstum. In China kommen jedes Jahr 60 Mio. Menschen in eine konsumfähige Lebenslage, sodass der Güterverkehr ebenfalls wachsen wird. Allerdings sehe ich, dass es neben der Realwirtschaft eine Wirtschaft in der Finanzwelt gibt, die weit abgekoppelt von der Realität durch Spekulationen die Preise in der Realwirtschaft beeinflusst, was ich für völlig kontraproduktiv halte. Ich verstehe davon aber nicht soviel, da sollten Sie besser meinen Kollegen Hirth fragen, der das sicher sehr viel besser durchschaut. Generell gilt der Grundsatz, dass wer in Aktien investiert, breit streuen soll und vor allem nicht all sein Geld investiert. Aber Logistikunternehmen wie die Deutsche Bahn und Kühne+Nagel sind exzellent geführte Unternehmen, die an einem weltweit steigenden Logistikmarkt langfristig partizipieren, denn sie können Universitäten nur fördern, wofür ich wie gesagt sehr dankbar bin, wenn sie profitabel arbeiten.

 

Fachschaftsteam: Als Logistiker haben Sie viel mit Vorständen und Politikern zu tun. Zum Beispiel war in der letzten Berufungskommission Herr Dr. Bensel anwesend, der Logistikchef der Deutschen Bahn. Können Sie sich an ein besonders originelles Ereignis erinnern?

 

Prof. Straube: Ich hatte allerdings das Glück in relativ jungen Jahren mit Menschen zusammen zu kommen, die man gemeinhin erst sehr viel später oder auch nie kennen lernt. Dieses wurde mir durch meinen Vorgänger ermöglicht, der jungen Leuten diese Kontakte eröffnete und ich tue heute das gleiche mit meinen wissenschaftlichen Mitarbeitern. Das liegt auch an der Arbeit in der Bundesvereinigung der Logistik (BVL), dem großen Logistik-Fachnetzwerk. Ich erinnere mich an Begegnungen in der BVL mit Altkanzler Schmidt und Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, die Lebensweisheiten und Lebenserkenntnise in Gesprächen weitergeben. Diese Gespräche haben mich sehr beeindruckt und auch geprägt. Des Weiteren hat mich ein Gespräch mit Frau Merkel geprägt kurz bevor sie Kanzlerin wurde, wo wir von der Logistik einen Termin hatten, der genau 15 Min. dauerte, wo wir ihr erklärt haben, was Logistik ist und warum die Logistik wichtig ist. Als Physikerin sagte sie “Meine Herren, Sie können aufhören mir das zu erklären. Logistik ist ein Systemansatz, der Mobilität von Personen und Gütern zum Wohle der Menschen erzeugt“. (lacht) Das hat Sie bis heute an verschiedenen Stellen wiederholt. Das Schöne an der Logistik ist, dass Sie so unterschiedliche Menschen treffen. Nehmen Sie das Beispiel von Herrn Dr. Bensel. Herr Dr. Bensel war lange Zeit Personalverantwortlicher in internationalen Großkonzernen, bei Schering, Daimler- Chrysler und dann bei der Deutschen Bahn und ist nun seit einigen Jahren erfolgreicher Transport- und Logistikvorstand bei der Deutschen Bahn. Das heißt, die Komponente Mensch scheint nicht zu unterschätzen zu sein. Oder wenn sie Herrn Kühne nehmen, der bereits als junger Mann als Inhaber Verantwortung übernahm und heute ein internationales Unternehmen mit mehr als 53.000 Mitarbeitern führt, da läuft vieles über die Komponente Mensch. Das sind für mich stets Begegnungen, die deutlich über das rein Fachliche hinausgehen und von denen ich auch lerne und hoffe euch Studenten das weitergeben zu können.

 

Fachschaftsteam: Man schließt also auch Freundschaften?

 

Prof. Straube: Ja. Es gibt Vertrauensverhältnisse, es gibt freundschaftliche Austausche und freundschaftliche Verbundenheit. Außerdem betreiben wir hier Partnerschaften auf der langfristigen Basis und dazu gehören offener Austausch und Verlässlichkeit und eben auch ein Austausch über das rein Fachliche hinaus. Ich verspreche mir auch viel von verlässlichen Netzwerken in der Wissenschaft, Politik und Praxis, denn man darf nicht vergessen, dass wir als Universität im weltweiten Wettbewerb stehen und wir müssen zeigen, dass wir in zentralen Schwerpunkten vorne mitspielen und Schwerpunkte setzen. Dazu müssen wir die besten Menschen, Projekte und Budgets für die TU gewinnen. Als Partner und als kritischer Spiegel sind mir diese freundschaftlichen Beziehungen sehr wichtig.

 

Fachschaftsteam: In ihrem Lebenslauf taucht die Stadt Sao Paulo auf. Vermissen Sie nicht Brasilien, wenn Sie an regnerischen Tagen aus der 9. Etage schauen?

 

Prof. Straube: Ich hatte das Glück 3 Jahre in Brasilien projektbezogen arbeiten zu können. Ich bin sozusagen der Globalisierung unserer Industrie in die Welt gefolgt. Das hatte zur Folge, dass ich Projekte in Nord- und Südamerika und Afrika bearbeitete. Wenn ich an Brasilien denke, dann hatte Brasilien sehr viele schöne Seiten, aber auch sehr schlechte, wenn Sie an die Kluft von arm und reich denken, wenn Sie an die Umwelt denken. Südamerika ist ein Kontinent, der uns in Kultur und Religion sehr nahe steht. Aber die Südamerikaner sind noch nicht aufgewacht, was die Bekämpfung von sozialen Problemen wie den Slums betrifft. Ich bin aber immer gerne dort. Ich treffe bald wieder einen der bekanntesten Logistikprofessoren, Prof. Pablo Fleury, aus Rio de Janeiro. Wir werden eine Kooperationsvereinbarung besprechen, die den Austausch von Studenten und Doktoranden umfasst, aber auch eine Projektzusammenarbeit im Bereich von Hafenhinterlandanbindungen, wo wir Lösungen, die wir in Europa gemeinsam mit unseren Praxispartnern entwickelt haben, nach Brasilien exportieren wollen. Interesse hieran hat sogar der brasilianische Minister für Häfen, Pedro Brito, der uns während des Logistikkongresses Ende Oktober in Berlin in der TU besuchen wird. Ich versuche meine brasilianischen Netzwerke aufrecht zu erhalten und wenn dabei eine Reise nach Südamerika abfällt, bin ich der Letzte der „Nein“ sagt (lacht) aber auch nach Afrika zu entwickeln, denn es ist nicht gut, wenn ein Kontinent abgehängt ist von der Weltwirtschaft und in den Vereinigten Arabischen Raum, wo massiv in innovative Logistiklösungen investiert wird.

 

Fachschaftsteam: Können sich die Deutschen etwas von der lockeren südamerikanischen Lebensart abschauen?

 

Prof. Straube: Ich denke schon. Aber ich denke, dass sich in Deutschland die Lebenseinstellung in den letzten 10-20 Jahren bedingt durch eine erfolgreiche Wirtschaft und eine immer mehr international zusammengesetzte Bevölkerung sehr verbessert hat. Denken Sie nur an die Fussballweltmeisterschaft in Deutschland und die positive Signale, die von ihr in die Welt gingen. Meine Projekte in Südamerika haben mir gezeigt, als wir z.B. den Aufbau einer Mercedesfabrik logistisch begleiten durften, dass es ein wunderbarer Austausch war zwischen pünktlichen, strukturierten Ingenieuren aus Stuttgart, die eine feste Agenda hatten und nicht immer ganz pünktlichen und etwas verrückten Brasilianern, die eine Fülle neuer Ideen im Kopf hatten. Man kann von kulturellen Unterschieden nur lernen. Ich selber bin mit einer Französin verheiratet, wir erziehen unsere Kinder zweisprachig und ich unterrichte an französischen Universitäten. Mir machen aber genauso Aufgaben in China Spass, z.B. beim Aufbau unseres ebenfalls durch die Kühne-Stiftung geförderten Partnerlehrstuhles am Chinesisch-Deutschen Hochschulkolleg (CDHK) an der Tongji Universität in Shanghai oder in Ost-Europa z.B. in Polen, Ungarn oder Russland. Andere Kulturen haben andere Ansätze an Probleme heranzutreten. Und wenn man sich darauf einlässt, dann können beide Seiten davon profitieren.

 

Fachschaftsteam: Eine abschließende Frage zu Ihrer Zukunft. Wo wird ihr Weg Sie hinführen?

 

Prof. Straube: Ich fühle mich an der TU sehr wohl und plane hier für viele Jahre. Ich plane die Weiterentwicklung des Lehrstuhls inhaltlich mit neuen Themen, wie zum Beispiel Umwelt und Logistik, den Aufbau von internationalen Forschungspartnerschaften. Aber auch den Aufbau von Standorten – wir haben gerade mit der Kühne-Stiftung ein Logistiklehrstuhl für International Logistics Networks and Services am CDHK in Shanghai eröffnet und planen das mit den Stiftern Deutsche Bahn und der Kühne-Stiftung in weiteren Wachstumsregionen. Ich möchte mich an der Weiterentwicklung der TU Berlin und in bestimmten Zukunftsclustern beteiligten. Die Zukunftsclusterausrichtung der ganzen Universität durch das Präsidium ist aus meiner Sicht genau richtig, um im Wettbewerb der Universitäten stark zu sein. Sie verlangt fakultätsübergreifende Zusammenarbeit in einer Matrixorganisation. Ich spüre hierzu eine Bereitschaft bei vielen Kollegen, die mich motiviert, denn Logistik ist interdisziplinär angelegt. Früher gab es 660 Professorenstellen für 30.000 Studenten, heute sind es 330 für nur unwesentlich weniger Studenten, wobei wir das Kunststück geschafft haben, in den letzten sieben Jahren die Mehrheit der Stellen neu zu besetzen. Wir konnten exzellente Leute gewinnen, die miteinander und vernetzt arbeiten und gestalten wollen. Ich möchte mich auch an dem Aufbau einer Weiterbildungsakademie der TU beteiligen. Studenten sollen zwar schnell studieren, aber es soll die Möglichkeit eines lebenslangen Lernens bestehen. Ich möchte weiterhin gerne die Weiterentwicklung des Wirtschaftsingenieurstudiums unterstützen, damit wir auch in Zukunft in der ersten Liga international mitspielen. Dieser Studiengang ist heute nicht nur der zahlenmässig stärkste sondern verbindet Technik und Management, eine Kombination, die in der Wirtschaft stark nachgefragt bleiben wird und Möglichkeiten zur interdisziplinären Grundlagenforschung und Positionierung der TU insgesamt bietet. Ich möchte auch das Thema Kundenorientierung hier an der TU vorantreiben, denn Studenten sind für mich Kunden, auch Geldgeber und Investoren sind für mich Kunden, auch die Gesellschaft mit ihren Ansprüchen an Wissen von unabhängigen Universitäten sind Kunden. Das ist alles sehr viel Arbeit, die mich aber motiviert und zufrieden stellt. Das ist die Arbeit, die ich mir bis zu meiner Pensionierung, die noch lange weg ist (lacht), im nächsten Jahr werde ich zwar erst aber auch immerhin schon 50 Jahre alt, vorstellen kann. Aber auch die infrastrukturelle Weiterentwicklung der TU ist wichtig. Schauen Sie sich das Campus Center und die neue Cafeteria an -  das sind positive Zeichen, die diese Universität setzt. Und ich möchte gerne mit Studierenden feiern, sei es im Anschluss an unser Praxisseminar, beim Semesterabschlussgrill, beim Beaujolais Noveau-Umtrunk, bei der Erstsemesterbegrüssung oder bei der Studierendenverabschiedung. Und natürlich nach Doktorprüfungen, ein besonderer Moment, den man mit wissenschaftlichen Mitarbeitern erleben kann, die man längere Zeit intensiv begleitet und kennen gelernt hat. Und noch etwas: Ich bin begeistert von Studierenden, die initiativ etwas für die Studierenden bewegen möchten und Projekte in die Hand nehmen. Ich freue mich deshalb auch ganz besonders auf die weitere positive Zusammenarbeit mit dem Fachschaftsteam und den anderen „Inis“. Sie sehen ich bin hier mit Spaß bei der Sache und freue mich auf die Zukunft.

 

Fachschaftsteam: Herr Prof. Straube, vielen Dank für das Interview.

 

Das Interview führte Philip Weichbrodt am 4. September 2008.