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Prof. Dr. med. Reinhard Busse

Zum Zeitpunkt des Interviews Dekan der Fakultät VII für Wirtschaft & Management (2006-2008)

 

Prof. Dr. med. Reinhard BusseProf. Busse ist seit 2006 Dekan unserer Fakultät VII. Stetig fördert er die Verbesserung der Lehre und der Studienbedingungen. Auch als wir das „Studentische Zukunftsprogramm“ im Fakultätsrat vorstellten, unterstützte er die Studierenden mit konstruktiver Kritik. Die Zusammenarbeit mit ihm lässt uns auf einen großen Erfolg für unsere Fakultät hoffen. Grund genug mit ihm unsere Interviewreihe zu beginnen. Prof. Busse empfing uns an seinem Lehrstuhl im 5. Stock des EB-Gebäude und beantwortete auch recht brisante Fragen ausführlich.

 

 

Lebenslauf  
1963 am 26.03. in Hameln an der Weser geboren.
1969-1982 seine Schulzeit verbrachte er an der Deutschen Botschafter Schule in Ankara, Türkei, in der Grundschule Havelse in Garbsen nahe Hannover, dem Gymnasium in Bad Nenndorf und dem Polytechnic Institute in Baltimore, USA
1982-1983 Zivildienst als Rettungssanitäter
1984-1990 Medizinstudium an der Philipps-Universität in Marburg, der Harvard Medical School in Boston und der University of London
1990 am 13.11 ärztliche Prüfung
1992 am 20.03. Promotion zum Dr. med., Thema: Medizinische Informatik im Medizinstudium
1991-1993 Ergänzungsstudium „Bevölkerungsmedizin und Gesundheitswesen“
1994 am 23.02. Approbation als Arzt
1994-1999 Arzt in der Abteilung Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitsforschung
1999 am 21.04. Habilitation und Ernennung zum Privatdozenten, Thema: Anwendung und Weiterentwicklung von Konzepten und Methoden der Gesundheitssystemforschung im deutschen Kontext“
1999-2002 Leiter des Zentrums European Observatory on Health Care Systems, Madrid, Spanien
seit 1999 Gastprofessor an der Escuela Nacional de Sanidad, Madrid
seit 2002 Universitätsprofessor (C4) an der Technischen Universität Berlin für Management im Gesundheitswesen
seit 2006 Dekan der Fakultät VII für Wirtschaft und Management

Ein Arbeitstag in der Uni beginnt für mich mit… 
…meinem Fahrrad aus Mitte zur TU zu fahren. 

An der TU Berlin stören mich…
…die vielen bürokratischen Vorgänge.

Mit 20 Jahren wollte ich…
…einen Job haben, der viel mit dem Ausland zu tun hat und bei dem ich Chef von fähigen Mitarbeiter sein kann.

Es macht mich sauer, wenn…
…wenn Dinge meines Erachtens zu langsam gehen, obwohl sie zügiger gehen könnten.

Wer es zu etwas bringen will, der… 
…sollte Gelegenheiten beim Schopfe packen.

An der TU Berlin gefällt mir…
…dass wir viele unterschiedliche Themen aufgreifen und kombinieren.

Ich muss lachen, wenn…
…es zu Situationskomiken kommt - zu etwas was ich so nicht erwarte.

Den Studenten rate ich…
…wirklich vom Angebot, das es hier gibt, z.B. außer-curriculare Aktivitäten wie dem Fachschaftsteam, Gebrauch zu machen.

 

 

 

 

 


Interview 

Prof. Dr. med. Reinhard BusseFachschaftsteam: Sehr geehrter Herr Prof. Busse, nennen Sie doch bitte spontan drei Dinge, die die TU Berlin Ihrer Meinung nach auszeichnet. 

Busse: Wir sind eine große Universität, mitten in Europa und somit haben wir auch viele ausländischen Studenten. Zweitens haben wir erkannt, dass wir uns auf bestimmte Zukunftsfelder konzentrieren müssen, welche vielleicht noch nicht sichtbar genug sind, aber die TU in Zukunft auszeichnen werden. Und das Dritte, was ich mir auch noch verstärkt wünsche ist mehr Interdisziplinarität zwischen den Fachgebieten. Dass die Grenzen zwischen den Fakultäten langsam aufweichen. 

Fachschaftsteam: In Ihrem Leben sind Sie viel rumgekommen. Schulzeit in Ankara und Baltimore, Studium in Boston und London und später dann in London und Madrid gearbeitet. Jetzt sind Sie in Berlin. Hat es Ihnen stets gefallen? 

Busse: Zu erst einmal ist es eine sehr starke Bereicherung, von der ich bis heute profitiere - ausgelöst dadurch - dass mich meine Eltern schon relativ früh als kleines Kind ins Ausland geschleppt haben. Das mit dem Gefallen muss man vor dem Hintergrund der sehr unterschiedlichen Zeiten und Tätigkeiten sehen. Als ich in Harvard studiert habe, hieß das wirklich 7 Tage die Woche, eigentlich 24 Stunden am Tag, arbeiten, so dass es eine sehr intensive Zeit war, ich aber nicht ganz soviel von der Stadt mitbekommen habe. Dagegen habe ich in Madrid auch sehr viel gearbeitet, aber ich habe direkt am Paseo del Prado gegenüber dem Prado gewohnt und hatte die Wochenenden frei und konnte mir Spanien angucken. 

Fachschaftsteam: Was haben Ihre Eltern und Sie in Ankara gemacht? 

Busse: Mein Vater hat Deutschlehrer ausgebildet; ich bin zur Deutschen Botschafter Schule gegangen. Im Ausland gibt es zwei Arten von Schulen. Es gibt die deutschen Schulen, die für Lokale geöffnet sind, wie die deutsche Schule in Istanbul, wo die Mehrzahl der dortigen Schüler Türken sind. Und es gibt Botschaftsschulen. Die Schule in Ankara wurde nur unterhalten, damit Deutsche, die in der Türkei arbeiteten, ihre Kinder dort hinschicken konnten. Da waren allerdings auch etwa Österreicher, Australier oder Japaner. Aber Türken durften da nicht hin, die war nur geöffnet für Ausländer. 

Fachschaftsteam: Hatten Sie denn Kontakt zur einheimischen Bevölkerung und sprechen Sie Türkisch? 

Busse: Also Sie müssen sich das so vorstellen, dass wir da in einer ganz normalen Wohnstraße gewohnt haben, wo eben auch ein paar andere Ausländer gewohnt haben, aber das war keine deutsche Kolonie. Also meine Freunde aus der Schule haben irgendwo anders gewohnt, in anderen Stadtvierteln. Dann trifft man sich halt mit Nachbarskindern. Mein Türkisch, naja, war gut genug, damit man sich überhaupt verständigen und im Laden um die Ecke was für’s Frühstück einkaufen konnte. Aber in der Schule sprach man deutsch, sodass ich nicht umfassend Türkisch gelernt habe. 

Fachschaftsteam: Was zeichnet denn Berlin im Vergleich zu anderen Städten aus? 

Busse: Was an Berlin schön ist, ist einerseits das große Angebot an Kultur. Ich wohne in Mitte und da gibt’s viele Theater. Dann die Dichte der Museen. Wir haben gerade Bekannte aus den USA zu Besuch und man kann den Leuten ein interessantes Programm bieten. Was mir aber auch besonders gefällt, ist die Weitläufigkeit, im physischen Sinne, also dass wir den Tiergarten haben und das alles nicht so dicht bebaut ist, gerade im Vergleich zu Madrid. Madrid hat ziemlich genauso viele Einwohner, aber entspricht von der Fläche her nur einem Drittel von Berlin. Dadurch ist auch alles sehr kompakt. Und das setzt sich auch in der Umgebung fort, man muss auch gar nicht weit aus Berlin raus fahren und schon hat man irgendwelche Seen. Das haben längst nicht alle großen Städte. In London ist die Themse in der Mitte, was nicht schlecht ist, aber sonst ist das auch ein ziemlicher Moloch mit sehr viel Verkehr. Und hier wenn ich morgens zur Arbeit fahre, sind die Straßen leer. Das hätte man in London nie und in Madrid übrigens auch nicht. 

Fachschaftsteam: Sie waren als Student engagiert und vertraten die Studenten in unterschiedlichen Gremien. Können Sie uns etwas aus dieser Zeit erzählen? Was hat sich zu heute verändert? 

Busse: Ich habe als Student in Marburg relativ viel Politik betrieben, neben meinem Studium. Nur bei uns hieß das nicht „Fachschaftsteam“, sondern „Fachschaftsplenum“. Der medizinische Fachbereich war eine ziemlich große Fakultät und schon im dritten Semester bin ich in den Fachbereichsrat gegangen. Die Studenten hatten damals fünf Sitze und es gab zwei Listen, die nebeneinander angetreten sind. Unsere Liste schaffte immer mindestens vier, mal sogar alle fünf Sitze zu bekommen. Wir hatten damit die zweitgrößte Anzahl von Sitzen im Gremium und wenn wir uns einig waren und unsere Stimmen in die Waagschale geworfen haben, da konnten wir dadurch schon sehr viel erreichen. Außerdem war bei den Professoren die Anwesenheit nicht ganz so gut wie bei uns. (lacht) Zum Bespiel sollte einmal ein neuer Prodekan für Lehre und Studium gewählt werden und da hatten die Professoren einen Vorschlag, der uns aber nicht gefiel … gut, er ist zwar später mein Doktorvater geworden, aber zu dem Moment wollten wir ihn verhindern und schlugen einen anderen Professor vor, der uns geeigneter schien. Den haben wir dann auch durchgebracht. Das fehlt mir heute, weil die Studierenden Vertreter zu häufig wechseln und ich denke eigentlich, dass sie mehr erreichen könnten, weil andere Gruppierungen nicht so klar aufgestellt sind. 

Fachschaftsteam: Das Problem im Fakultätsrat der Fakultät VII ist, dass die Studenten nur zwei Sitze haben und ein Sitz durch das Hare-Niemeyer Wahlverfahren immer an den RCDS geht. 

Busse: Wir hatten auch einen RCDS, der aber maximal einen Vertreter bekam, einen von den fünf Sitzen! (Lachen der Beteiligten) Also ich war auch im Studierendenparlament für die Grün-Bunt-Alternative Liste. Marburg ist eine Kernzelle der Grünen und da muss man dann auch Farbe bekennen und das war insofern sehr interessant, weil ich dann Vorsitzender des Hauptausschusses war, der eigentlich der Finanzausschuss war, und da waren wir verantwortlich für den Haushaltsplan. Ich muss sagen, da habe ich sehr viel gelernt, wie doppelte Buchführung. Die Studierendenschaft hatte auch Mitarbeiter, nämlich zwei Sekretärinnen. Wir hatten zwei kleine LKW, die man sich mieten konnte. Insofern hatte der Haushaltsplan, den die Studierendenschaft aufzustellen hatte, eigentlich alles was man brauchte. Man musste an die Beschäftigten denken, Sozialabgaben, man musste sich überlegen „wie lange hält eigentlich so ein Mercedes-Kleinbus“, „was für Rücklagen muss ich bilden, damit ich Neukäufe tätigen kann“ – und das hilft für meine heutige Tätigkeit als Dekan schon. Und den letzen Teil, was ich auch noch gemacht habe, war mich um den Austausch zu kümmern. Wir hatten ein Austauschprogramm und da war ich der so genannte LEO (Local Exchange Officer). Wir hatten das zentralisiert in der Fachschaft. Wir hatten also ein Regal voll Aktenordner und fast alle, die im Ausland waren, haben eigentlich auch Berichte geschrieben. Und dann wurde alles nach Ländern sortiert und dann konnte man sagen: „hier lies dir mal das durch, das sind die letzten zehn Berichte aus Ghana“ und dadurch konnten wir ganz gut beraten. Ja und nebenbei habe ich auch Medizin studiert, und das sogar in der praktisch normalen Zeit von 13 Semestern. Ich habe viel nebenbei gelernt hat und die Professoren sahen dies durchaus positiv. Also ich erinnere mich, da war ich kurz vor meinem dritten Staatsexamen, als mich der Orthopädie-Professor nach dem Fachbereichsrat nach Hause gefahren hat. Ich fragte ihn: „Sie wissen ja, ich war nie in Ihrer Vorlesung, was ist denn eigentlich, wenn ich Orthopädie als Prüfungsfach kriege?“ Da meinte er: „Busse, wissen Sie was, erstens ich habe in München studiert und war im Sommersemester fast immer an der Adria und habe auch viele Veranstaltungen verpasst. Und zweitens ist Orthopädie ein kleines Fach, lesen Sie das und das Buch, dass schaffen Sie in drei Tagen und dann wissen Sie alles, was Sie wissen müssen.“ 

Fachschaftsteam: Ihre Hauptveranstaltung befasst sich mit Management im Gesundheitswesen. Wie würden Sie dieses Fach beschreiben? Wem würden Sie es empfehlen? 

Busse: Gut, also da muss man am Anfang vielleicht zur Historie sagen, als ich vor 13 Semestern an die TU kam, gab’s hier einen Studiengang „Public Health“, das war ein Ergänzungsstudiengang. Heute würden wir sagen Weiterbildungsstudiengang. Dann ist dieser Studiengang hier geschlossen worden, den gibt’s inzwischen an der Charite – und dann war die Frage, ob ich auch an die Charite gehen sollte oder eben hier bleibe. Der Präsident jedoch - und einige andere noch - haben sehr viel Wert darauf gelegt, dass ich hier bleibe, um eben insbesondere das Zukunftsfeld „Gesundheit und Ernährung“ maßgeblich mit zu unterstützen. Mit der Umstellung auf Bachelor/Master bei den Wi-Ing’s werden wir eine neue Masterstudienrichtung „Gesundheitstechnik“ anbieten, die von der ingenieurwissenschaftlichen Seite her sowohl mit Medizintechnik, als auch mit E-Technik, als auch mit Informatik bestückt wird – und wir machen den Managementteil, weil wir gesehen haben, dass gerade in der Gesundheitstechnik die Mischung zwischen Technik und Management immer wichtiger wird, nicht nur in Krankenhäusern. Nehmen wir mal Siemens. Siemens verkauft nicht nur Röntgengeräte oder Computertomographen, sondern bietet mit „Siemens Medical Solutions“ auch ganze Logistik- und Wartungsketten an. Der weltweit führende Dialysegeräte-Hersteller Fresenius hat vor kurzem Helios, einen Krankenhaus-Konzern gekauft. Management im Gesundheitswesen ist daher für Wirtschaftsingenieure fast eine perfekte Mischung, weil das Berufsbild einfach sehr viel integrierter ist als in anderen Sektoren. Derzeit – also vor dem Start der neuen Master-Studienrichtung 2009 – haben wir neben BWLern und VWLern auch Wi-Ing’s in unseren Veranstaltungen, aber wie gesagt, in Zukunft setzen wir mehr auf sie – und es könnten von den Diplom-WiIngs auch ruhig noch einige mehr kommen . 

Fachschaftsteam: In der Presse ist in letzter Zeit viel zu lesen, dass das deutsche Gesundheitswesen reformiert werden soll. Was würden Sie als Gesundheitsminister tun? 

Busse: Also relativ gesehen geben wir schon ziemlich viel Geld aus, absolut sind jetzt ein paar Länder an uns vorbeigezogen, einfach weil sie ein höheres BIP haben. Norwegen zum Beispiel: Wenn die 10% ausgeben, ist das eben mehr als wenn wir 10% ausgeben. Wir sind auch sehr effizient in der Produktion von Gesundheitsleistungen, also etwa ein Krankenhausaufenthalt ist in Deutschland international gesehen günstig. Die Erstellung eines Röntgenbildes ist günstig. Also es wird alles technisch hocheffizient genutzt. Wir haben oftmals das Problem der Überversorgung, was auf der anderen Seite gut ist, da wir keine Wartelisten haben. Bei uns wird eben eher mal ein Röntgenbild zuviel gemacht, als dass wir einen auf ein Röntgenbild warten lassen. Das führt manchmal zu unterschiedlichen Interpretationen, weil auch in der Bevölkerung es so gesehen wird, dass „je mehr, desto besser“ ist, aber das ist nicht so. Ein Röntgenbild, das unnötig ist, das hat halt trotzdem Röntgenstrahlen usw. Es geht ja auch durch die internationalen Diskussionen, dass Krankenhäuser auch gefährliche Plätze sind. Also wenn man sich das neueste Sachverständigenratgutachten nimmt, und das ist noch ein sehr konservative Schätzung: Wir müssen davon ausgehen, dass jeder Tausendste, der ins Krankenhaus kommt, durch das Krankenhaus zu Tode kommt. 

Prof. Dr. med. Reinhard BusseFachschaftsteam: Gibt’s noch Punkte oder können wir zu den Fragen aus dem WiwiBerlin-Forum kommen? Vielleicht möchten Sie ja noch irgendwelche Fragen, die Sie irgendwie besonders interessant finden für die Studenten anfügen? Wie ist denn unsere Ulla Schmidt so? 

Busse: Soll ich die wirklich beantworten? (lacht) 

Fachschaftsteam: Wenn das keine nachhaltigen Probleme für Sie gibt. 

Busse: Nun gut. Ulla Schmidt wurde, jetzt nicht mehr so, aber anfangs ganz schön unterschätzt. Sie weiß schon sehr genau, was sie will. Das ist am Anfang auch unterschätzt worden. Vor ihr war der Seehofer da – und dazwischen war noch Andrea Fischer – und der war 7 Jahre lang Minister. Ulla Schmidt ist inzwischen länger Ministerin. Sie ist von allen EU-Gesundheitsministern diejenige, die am längsten amtiert und das zeigt schon was, da es eigentlich in allen Ländern ein ziemlicher Schleudersitz ist. Gerade im Gesundheitswesen gibt es ja große Lobbygruppen. Dass Ulla Schmidt jetzt ja schon seit 7,5 Jahren da ist, zeigt schon, dass sie sich sehr stark durchsetzen kann. Das kann man positiv oder negativ sehen. Sie agiert, glaube ich, schon ganz erfolgreich. 

Fachschaftsteam: Also kommen wir zu Fragen aus dem WiwiBerlin-Forum. Die Studenten wollen wissen, was Sie an der Arbeit als Dekan schätzen? 

Busse: Also, die Dekansarbeit gilt unter Kollegen als nicht so beliebt. Bei uns an der Fakultät war es so, dass es immer so ein bisschen herumgegeben wurde. Jeder hat es mal kurze Zeit gemacht. Keiner hat sich so richtig drum gekümmert, was eben dummerweise auch dazu geführt hat, dass unsere Fakultät universitätsweit ein sehr niedriges Ansehen hatte, als ich Dekan wurde. Dass das andere Fakultäten ganz anders sehen, sieht man an der Fakultät VI, wo Prof. Schäfer schon seit ca. 15 Jahren Dekan ist und die damit natürlich auch wesentlich besser mit der Universitätsspitze vernetzt sind. Ich wurde früher als erwartet zum Dekan gewählt. Ich dachte, Herr Gemünden würde noch Dekan werden, und ich dann danach. Was mich an der Aufgabe reizt ist, das Image der Fakultät zu verbessern, was natürlich auch Hand in Hand mit tatsächlichen Verbesserungen der Fakultät gehen muss. Man kann sich das heute kaum vorstellen, aber vor ein paar Jahren noch haben sich die Professoren im Fakultätsrat manchmal regelrecht angeschrien. Ich möchte schon, dass wir die zu bewältigenden Aufgaben konstruktiv und über die verschiedenen Statusgruppen hinweg in Angriff nehmen. Wir haben erst letztes Jahr einen Fakultätsentwicklungsplan verabschiedet, wo wir bewusst Schwerpunkte setzen und wir sagen, in diesen Schwerpunkten sind wir besser als andere Fakultäten. Das ist immer eine Diskussion. Wollen wir uns mit der FU und der HU messen? Nein, wir müssen gucken, was machen die in Aachen und in Karlsruhe, also was machen die Wiwi-Fakultäten an anderen Technischen Universitäten, und dann muss man sich fragen: Wo sind unsere Schwerpunkte? Und weil wir so klein sind, kann man nicht alles gleich gut machen – und die Stärken herauszuarbeiten, finde ich, ist eigentlich der interessantere Teil. Damit können wir uns Fragen zuwenden wie: Wo will die Fakultät eigentlich in fünf Jahren stehen, was für Studiengänge haben wir dann und welche Professuren wollen wir bis dahin berufen haben? Der störende Teil ist, immer wenn einer ankommt und noch ein paar Euro oder eine Stelle haben will. 

Fachschaftsteam: Was sind Ihre nächsten Ziele als Dekan? 

Busse: Dafür müssen wir noch mal auf den Fakultätsentwicklungsplan gucken, mit dem wir vier Schwerpunkte definiert haben. Ohne Reihenfolge sind dies: 1. Globale Logistik-Netzwerke und Supply Chain Management; 2. Innovationsmanagement und Innovationsökonomie; 3. Infrastruktur- und Netzwerkökonomie und 4. Gesundheitstechnologien und Gesundheitswirtschaft, wobei das nicht heißen soll, dass das nur unsere Fakultät macht. Diese vier Schwerpunkte wollen wir weiterentwickeln und da sind wir jetzt im Prozess, dass wir neue Professoren berufen, und die sollen die Schwerpunkte dann stärken. Wir haben z.B. zwei Stiftungsprofessuren für Logistik, wo die Berufungskommissionen derzeit arbeiten, eine weitere für Entrepreneurship und Innovationsmanagement wird hoffentlich bald besetzt. Im Gesundheitsbereich kommt jetzt wahrscheinlich demnächst auch noch eine Stiftungsprofessur, also wir wollen diese vier Schwerpunkte kontinuierlich ausbauen. Wenn wir das aber machen, und das ist der nächste Punkt in Sachen Umgestaltung der Fakultät, dann stellt sich die Frage, welche Rolle die bisherigen Institute spielen. Die Institute folgten klassischerweise den Studiengängen. Wir hatten ein Institut für BWL, weil wir einen Studiengang BWL hatten. Wir hatten ein Institut für VWL, weil wir da einen Studiengang hatten und das ITM galt immer als Brückenkopf zum Wirtschaftsingenieurwesen. Inzwischen ist die Gemengelage aber ein ganz andere, und wir sehen, dass unsere Schwerpunkte durch die Institute hinweg gehen. Zum Beispiel bei Innovation, das ist Gemünden, aber auch Ensthaler, auch Trommsdorff. Also mir schwebt vor, dass wir die starre Konstruktion der Institute auflösen und dass wir ein bisschen mehr diesen Schwerpunkten folgen, weil sich auch die Studienangebote im Masterstudiengang widerspiegeln werden. (Im Bachelor wird es natürlich auch weiterhin Allgemeine BWL und Allgemeine VWL geben.) Da macht es eben mehr Sinn, wenn die Fakultät sich in diesen Bereichen besser sichtbar aufstellt. Es ist ja kein Geheimnis, dass wir als Fakultät möchten, dass der Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen enger an die Fakultät angebunden wird, damit die Verantwortlichkeiten – auch für ein schlechtes Abschneiden in einem Ranking – deutlicher werden. Es ist ja schön und richtig, wenn alle mitbestimmen können, aber irgendwie müssen auch die Verantwortlichkeiten klar sein. 

Fachschaftsteam: Die GKWi-Sitzung am vergangenen Mittwoch (11.06.) war ja sehr ereignisreich, wo ja auch genau dieser Streitpunkt angesprochen wurde. Was ist denn die optimale Lösung für die Studenten im Streit zwischen der GKWi und der Fakultät? 

Busse: Wir müssen sicherstellen, dass so ein Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen eben wirklich die besten Seiten der beiden Medaillen kombiniert – sowohl Wirtschaft als auch Ingenieurwesen. Das setzt voraus, dass auch innerhalb der ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten das nicht als Randthema gesehen wird, sondern auch als wesentlicher Studiengang. Das ist nicht Aufgabe von einzelnen. Klar ist, dass so ein Studiengang gemeinsam entwickelt werden muss, das ist völlig unstrittig. Man muss gemeinsam diskutieren, wie können die Module aufeinander abgestimmt werden. Und das sehe ich übrigens – und das hat Herr Straube am Mittwoch deutlich gemacht – zurzeit als nicht gegeben. Da muss man sich Zeit nehmen, wie so ein Studiengang aussehen soll, welche seine Kernkompetenzen sind, die da am Ende herauskommen sollen. Wenn ich meine anderen Dekanskollegen treffe, dann ist das eine ganz entspannte Situation, man kann auch darüber reden, welche Dinge man über die Fakultätsgrenzen hinweg macht. In allen andern Technischen Universitäten sind die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten für den Wirtschaftsingenieur verantwortlich. Wir haben hier eine Sondersituation. Das hat gute Seiten, z.B. gemeinsame Entscheidungskompetenz. Was aber schlecht geregelt ist, ist zum Beispiel, wohin sollen sich die Studierenden wenden, also ist die Fakultät zuständig, bei der sie ja eingeschrieben sind? Oder ist irgendeine andere Institution auf Dauer für sie verantwortlich? Soll es ein Fachschaftsteam für die Fakultät und ein Fachschaftsteam für die Wirtschaftsingenieure geben? Und da sagen wir, dass das unsinniger Blödsinn ist. Gerade verwaltungsmäßig macht das keinen Sinn zu trennen. Es muss an unsere Fakultät angeknüpft werden. 

Fachschaftsteam: Es gab im WiwiBerlin-Forum auch kritische Fragen zum Vorfall Backhaus. Was können Sie dazu sagen? 

Busse: Da müssen wir sagen, dass das unglücklich gelaufen ist. Teil des Unglücks ist auch, dass an der TU auch wirklich immer zu viele Leute im Brei rühren und immer halb gare Sachen weiter tragen. Zum Hintergrund muss man sagen: Im Strukturplan ist Strategisches Management eine Strukturprofessur. Die ist in den Jahren nie besetzt worden, sondern vertreten worden von drei Honorarprofessoren, von denen Prof. Backhaus einer ist. Aber natürlich immer nur als Übergangslösung. Jetzt haben wir diese Professur ausgeschrieben und sind jetzt im Besetzungsprozess drin und wir hoffen dass Prof. zu Knypphausen von der Uni Bamberg annehmen wird. Das wird sich diese Tage entscheiden. Das heißt aber, in dem Moment wird Strategisches Management zu einem normalen Fachgebiet, was von einem hauptamtlichen Professor und seinen wissenschaftlichen Mitarbeiter vertreten wird. Wir haben deswegen sozusagen als Vorsorge, um überhaupt Mitarbeiter zuweisen zu können, dem in unserem Personalplan Rechnung getragen, indem wir die Stellen, die bisher bei den Honorarprofessoren waren, für die Zukunft bei diesem neuen hauptamtlichen Professor verankert haben. Und ich hatte dabei auch berücksichtigt, dass die Honorarprofessoren dadurch nicht benachteiligt werden sollten, weil die Mitarbeiter, die sie noch hatten, bis zu deren Ausscheiden bei ihnen verbleiben sollten. Jetzt hat bei Herrn Backhausen ein wissenschaftlicher Mitarbeiter vorzeitig gekündigt und damit entstand das Problem, dass eine Lücke auftauchte, die wir so nicht eingeplant hatten. Ich hatte mich dann auch mit der Kanzlerin verständigt, dass wir ihn in diesem besonderen Fall nochmals eine Stelle zuweisen. Eben nicht für 5 Jahre, sondern für den vorzeitig weggefallenen Zeitraum. Doch das ist am Personalrat der TU gescheitert, weil der Personalrat gesagt hat, dass Stellen nur für 5 Jahre besetzt werden und es keine Ausnahmen gibt. In allen anderen Fällen hat sich das Präsidium darüber hinweggesetzt, in diesem Falle leider nicht. Ich habe daraufhin Protest eingelegt, es wäre auch ein Veto vom Präsidium eingelegt worden, aber in dem Moment hat Herr Backhaus – meiner Ansicht nach völlig verständlich – gesagt, das dauere ihm zu lange und hat gesagt, dass er das nicht mehr mitmache. Wir bedauern, dass da jetzt eine Lücke entstanden ist. Das Fachgebiet Strategisches Management soll aber im Wintersemester besetzt sein. 

Fachschaftsteam: Ist ein Ersatz für den auslaufenden BWL- Studiengang geplant? 

Busse: Das ist eine sehr gute Frage, die auch immer in der Fakultät hin und her gegangen ist, weil natürlich mit dem Bachelor of Economics und einem Master Industrial Networks Economics in VWL quasi ein Vorbild besteht. Ein weiterer Studiengang bedeutet auch mehr Studierende, was eigentlich gut ist – aber manche bezweifeln, dass wir dann auch mehr Stellen bekommen. Vermutlich werden wir am Ende „nur“ einen neuen Masterstudiengang anbieten, in Richtung Innovation und Entrepreneurship. 

Fachschaftsteam: Gibt es denn einen Zeitplan? 

Busse: Naja, man hinkt ja immer ein bisschen hinterher, das hängt unter anderem damit zusammen, dass die Stiftungsprofessur in diesem Bereich, also Entrepreneurship und Innovationsmanagement, noch vakant ist. Wir wollten einen Professor von der Uni Potsdam gewinnen, der zu diesem Sommersemester kommen wollte, aber vor 2 Wochen abgesagt hat, womit wir jetzt mit dem Zweitplatzierten der Liste einen neuen Anlauf nehmen wollen. 

Fachschaftsteam: Herr Prof. Busse, vielen Dank für das Interview.

 

Das Interview führten Maciej Piwowarczyk und Kay Tidten am 13. Juni 2008.